"Nie wieder", schwöre ich meinem Spiegelbild,
"nie wieder wird dieses Arschloch das mit mir machen!"
Wütend betupfe ich die Verletzungen in meinem Gesicht.
Noch immer sickert Blut aus dem Riss unterm Nasenflügel,
aus der geplatzten Oberlippe, die inzwischen heftig angeschwollen
ist. Auch die Gegend um das rechte Auge scheint kräftig
etwas abbekommen zu haben. Morgen werde ich mit einem herrlichen
Veilchen durch die Gegend laufen. Was soll ich den Leuten bloß
wieder erzählen?
Lisa war glücklich verheiratet. Doch das ist lang her,
denn ihr Mann wurde arbeitslos und fing an, zu trinken. Seitdem
verprügelt er sie regelmäßig im Suff.
Eines Tages, als er sie obendrein auch noch vergewaltigt,
klickt sie aus. Ihr Mann schnarcht im Dachgeschoß den
Rausch aus und Lisa steckt ihm eine brennende Zigarette zwischen
die Finger. Sie achtet darauf, dass die naheliegende Zeitung
in Brand gerät und verlässt das Haus.
Ihr Plan gelingt, doch nicht ganz. Das Haus brennt ab, doch
ihr Mann kann sich durch einen beherzten Sprung in den Gartenteich
retten. Niemand verdächtigt Lina, dass sie ihre Hand im
Spiel hatte. Ganz im Gegenteil. Ihr Mann zeigt Reue, schwört
Besserungen, er wird den Alkohol lassen und sie besser behandeln.
Zwei Monate klappt das auch. Dann schöpft er Verdacht,
dass der Brand vielleicht nicht so zufällig war wie gedacht.
Er fängt wieder das Trinken an und ein Psychoterror ganz
eigener Art beginnt ...
Als Frauenbuch erschien es bei Lübbe. Eigentlich ist
es weniger ein Frauenbuch, als vielmehr ein Psychothriller,
ein höchst realistischer zudem. Von einem Mann, der die
Fassade des Erfolgs aufgesetzt hat und abstürzt, als diese
einstürzt, von King Alk, der ihn endgültig zerstört
und einer Frau, die sich von ihrem Mann nicht lösen kann,
egal, wie schäbig er sie behandelt.
Beklemmend schildert uns die Autorin diese Entwicklung, die
erst in einem Mordversuch gipfelt, dann in scheinbarer Versöhnung,
und wie die Geschichte immer weiter auf den Abgrund zu taumelt.
Anfangs beginnt das Buch eher ruhig, doch dann packt es den
Leser und lässt ihn nicht mehr los. Zumal die vorgestellte
Konstellation - sieht man vom Mordversuch ab - so selten gar
nicht ist und sehr realitätsnah geschildert wird.
Ein Buch über Menschen, die nicht miteinander reden,
die getrimmt wurden, den schönen Schein aufrecht zuhalten
und darüber, was passiert, wenn dieser in Stücke geht.
Ein wenig erinnert es an Maigrets Meisterwerke, ein wenig an
Patricia Highsmith. Nur am Anfang gibt es ein, zwei Szenen,
da merkt man, dass das Buch Anfang der Neunziger geschrieben
wurde: Da wird es ein bisschen zu plakativ. Aber das sind wirklich
wenige Seiten.
Fazit: Ebenso spannender wie bedrückender Psychothriller.
Lisa Merkel war einmal eine glücklich verheiratete Frau;
zwei Kinder, ein beruflich erfolgreicher Mann, ein Haus mit
Garten - da tat sie sich leicht, dem Wunsch ihres Mannes zu
folgen und sich der Familie zu widmen. Doch als Richard arbeitslos
wird, bricht für ihn die Welt zusammen - und dieser Schlag
fällt auch auf die Familie zurück. Lisa, die sich
von jeher willig gefügt hat, rutscht allmählich in
die Rolle des Prellbocks, wird zur Zielscheibe körperlicher
und seelischer Gewalt. Als er sie schließlich vergewaltigt,
kanalisieren sich Wut und Verzweiflung in dem Entschluß,
ihren Peiniger umzubringen.
Der Plan schlägt fehl; doch Lisas schlaue Inszenierung
geht als Unfall durch - zu sauber ist die Fassade von heiler
Welt, die vor allem Lisa nach außen hin aufrechterhalten
hat. Körperlich entstellt kehrt Richard aus dem Krankenhaus
nach Hause zurück. Zunächst scheint er mit seiner
Absicht, mit seiner Familie ein neues Leben anzufangen, ernst
zu machen, eine Lehre gezogen zu haben.
Doch der Firnis ist nur dünn, und die unbewältigte
Frustration resultiert in neuer Gewalt. Als er zufällig
herausfindet, daß hinter dem Hausbrand, der ihn beinahe
das Leben gekostet hätte, ein Plan Lisas stecken könnte,
eskaliert die Situation - schwer verletzt findet sich Lisa im
Krankenhaus wieder. Doch auch hier verfolgt er sie. Selbst ihre
zeitweilige Zuflucht in einem Frauenhaus spürt er auf.
Schließlich findet Lisa mit den Kindern Unterschlupf in
einem Häuschen auf dem Land, aber hier fühlt sie sich
ebenfalls nicht sicher.
Ihre Anstrengungen, Richard wegen Körperverletzung anzuklagen,
stürzen sie wegen ihres eigenen Mordversuchs in Gewissenskonflikte
und Ängste, aus denen sie keinen Ausweg zu finden glaubt.
Die Erzählung ist konsequent aus Lisas Perspektive geschildert,
so daß man als Leser(in) ihrer Entwicklung nachtasten
kann und quasi mit ihr durch die Hölle geht, ehe sie die
ersten Versuche zur eigenen Entfaltung macht.
Ulrike Linnenbrink läßt vor unseren Augen den Prototyp
der braven Hausfrau und Mutter erstehen, eine Frau, die fehlende
Eigeninitiative durch Anpassung wettzumachen glaubt und damit
nicht nur zur Totengräberin ihrer selbst, sondern sogar
beinahe ihrer Familie wird. Erst auf der Flucht erkennt sie
die Notwendigkeit sich zu behaupten um ihrer eigenen Zukunft,
aber auch um ihrer Kinder willen.
Ein Buch, das nachdenklich stimmt angesichts der Vorzeigefamilien
in ihren Vorstadtidyllen.